Empfinden Fische Schmerz oder die Schädlichkeit des
anthropomorphen Denkens
In meinem letzten Beitrag hatte ich die Frage gestellt, ob Angeln Tierquälerei ist und einen
weiterführenden Artikel in Aussicht gestellt, der genau diese Frage aus neurowissenschaftlicher
Sicht betrachtet und diskutiert. Der Originalartikel, auf den ich mich nun stütze, entstammt der
Feder von Herrn Prof. J. D. Rose von der Universität in Wyoming (USA), mit dem ich seit einigen
Jahren zu diesem Thema in Kontakt stehe. Ich möchte ihm auf diesem Wege noch einmal für das
Zurverfügungstellen seines Materials danken.
1. Anthropomorphes Denken (Übertragung menschlicher Eigenschaften auf
Nichtmenschliches wie z. B. Tiere) unterminiert das Verständnis unserer Mitgeschöpfe!
Die Entwicklung der verschiedenen Tierspezies hat sich im Verlaufe von Jahrmillionen vollzogen
und ist stark mit der Besiedelung neuer Lebensräume gekoppelt. Mit der Eroberung neuer
Lebensräume wurden den Organismen neue Fähigkeiten und Fertigkeiten abverlangt. Dies führte
einerseits zu Spezialisierungen und andererseits zu Weiterentwicklungen von Organen wie z. B.
dem zentralen Nervensystem (ZNS). Die evolutionäre Entwicklung des ZNS ist bei Fischen, im
Gegensatz zum Menschen, auf einer sehr frühen Stufe beendet worden, auch wenn bestimmte
Fähigkeiten als Anpassung an den Lebensraum oder den Nahrungserwerb weiter entwickelt wurden.
Um neurophysiologische Unterschiede zwischen Fischen und Menschen verstehen zu können, ist
eine evolutionäre Betrachtungsweise der Entwicklung des Gehirns und des Verhaltens der
verschiedenen Spezies notwendig. Es besteht beim Menschen jedoch die Tendenz, die evolutionäre
Perspektive bei der Betrachtung unserer Mitgeschöpfe zu verdrängen und über die anthropomorphe
Betrachtungsweise mental Tiere mit dem Menschen gleichzusetzen. Man betrachte nur die Vielzahl
der „Tierfilme", in welchen Pferde, Hunde, Delphine, ja selbst Mäuse und Ratten mit menschlichen
Gesten agieren und sogar „sprechen", also sich scheinbar so verhalten, als ob sie „andere
Menschen" wären. Dies sind bewusste Verfälschungen des natürlichen Verhaltens der dargestellten
Tierarten. Man suggeriert bereits dem Kleinkind eine vermenschlichte Tierwelt. Diese Tendenz,
anderen Lebewesen mentales Bewusstsein zuzuschreiben, wird als „Theory of mind –
Bewusstseinstheorie" bezeichnet und ist, nach Aussage verschiedener Anthropologen,
wahrscheinlich die Vorraussetzung dafür, dass wir befähigt sind, uns in die Lage anderer Menschen
versetzen zu können, um mit ihnen zu kommunizieren. Diese, nur uns Menschen gegebene
Eigenschaft kann wie jede andere menschliche Eigenschaft jedoch auch missbraucht werden. Nicht
ohne Grund laufen nach jedem „Free Willy" o. ä. Filmen den Tierschutzorganisationen
scharenweise neue Mitglieder (oder besser gesagt Mitzahler) zu.
Liebe Sportfreunde, dieses ist,
obgleich vom Stoff her trocken, für uns sehr wichtig, da ein Teil der „Tierschützer" diese Art der
Vermenschlichung von Tieren aus dem Bauch und Gefühl heraus praktizieren, damit argumentieren
und dabei selbst wissenschaftliche Argumente vehement ignorieren. Ihre Meinung ist z. B.: Da der
Fisch ein „anderer Mensch" ist, muss er an der Angel zwangsläufig Schmerzen und Leiden
erfahren, wie es Menschen erginge, wenn sie am Haken hingen. PETA-Sprecher Harald Ullmann:
„Fische krümmen und drehen sich am Angelhaken, weil sie Schmerzen empfinden, nicht, weil sie
den Anglern freudig zuwinken. Wenn sie aus dem Wasser gezogen werden, erleben sie einen
schrecklichen Todeskampf, ähnlich dem der Menschen, die am Ertrinken sind."
Die extreme Einzigartigkeit des menschlichen Gehirns zu nutzen, um anderen Spezies derartige
menschliche Eigenschaften zuzusprechen, ist in hohem Maße unangemessen und unzulässig. Das
menschliche Gehirn ist sowohl makroskopisch als auch mikroskopisch vollständig vom Gehirn des
Fisches verschieden.
Eines der grundsätzlichsten Gesetze der Neurowissenschaften ist, dass neurophysiologische
Reaktionen jedes Organismus (inklusive der Sinne und der psychischen Erfahrungen) immer an
bestimmte Strukturen im Nervensystem gekoppelt sind! Sind diese Nervenzentren nicht vorhanden,
so kann eine damit gekoppelte neurophysiologische Leistung nicht erbracht werden. Ein Beispiel:
Es gibt bei verschiedenen Wirbeltieren unterschiedliche neurologische Verbesserungen oder
Anpassungen im Nervensystem (wie z. B. Elektrorezeption, Echoortung), die bei Menschen nicht
zu finden sind, weil ihnen eben diese Regionen im ZNS fehlen. Andere Fähigkeiten, wie die des
eigenen Bewusstseins und der Sprache, resultieren aus der komplexen Entwicklung und
Ausdehnung des menschlichen Großhirns. Das menschliche Gehirn hat, im Gegensatz zum Fisch,
im Verlauf der Evolution verschiedene extreme Erweiterungen und „Verbesserungen" erfahren,
während die Entwicklung des Nervensystems der Fische schon früh zum Stillstand kam.
2. Neocortex ist Voraussetzung für das Bewusstsein des eigenen Seins
Die bewusste Erfahrung von Schmerz und emotionalem Stress ist an das Bewusstsein gekoppelt!
Schaltet man dieses Bewusstsein oder die Regionen im Gehirn, die für das Bewusstsein
verantwortlich sind, z. B. durch Anästhesie aus, so wird der Schmerz nicht wahrgenommen. Die
Antwort, ob Fische Schmerz erfahren, kann deshalb nur in der Hirnstruktur gefunden werden.
Obgleich Wirbeltiere Gemeinsamkeiten in der Organisation des ZNS aufweisen, sind große
Unterschiede in der Struktur und Komplexität der Gehirne der verschiedensten Arten feststellbar.
Ein prinzipieller Unterschied zwischen Säugetieren und anderen Wirbeltieren ist die Ausdehnung
und Komplexität des Großhirns. Speziell eine Region des Großhirns, der sogenannte Neocortex, ist
nur bei den Säugern zu finden. Dieser Neocortex ist bei den Primaten am weitesten entwickelt und
für die Sprache, die Langzeitplanung, das abstrakte Denken und auch das Bewusstsein
verantwortlich. Der Neocortex ist nur bei den Säugetieren zu finden, er fehlt somit bei den Fischen.
Die bewusste Erfahrung von Schmerz ist deshalb bei Fischen nicht möglich, ihnen fehlen die
neuroanatomischen Voraussetzungen. Die Entwicklung der Fische vollzog sich vor ca. 400
Millionen Jahren. Sie sind entwicklungsgeschichtlich sehr alt. Dennoch haben sich die Fische bis zu
einem gewissen Grad auch spezialisiert. Sie besitzen Fähigkeiten, die sich von einer Orientierung
ohne Licht bis hin zur Elektrorezeption erstrecken. Die Anpassung an verschiedene Lebensräume
hat ihnen entwicklungsgeschichtlich große Spezialisierungen abverlangt, die jedoch nicht an eine
Entwicklung des Neocortex gekoppelt waren. Fische besitzen auch die Fähigkeit, assoziativ
(verknüpfend) zu lernen. Dies bedeutet, dass sie in der Lage sind, auf einen Umweltreiz mit einem
bestimmten Verhalten zu antworten. Dies darf jedoch nicht überbewertet werden, diese Fähigkeit ist
vielen Organismen, auch Organismen ohne Gehirn, gemein. Leider wird das Vermögen, assoziativ
zu lernen, von Tierschützern als Argument verwendet, Fischen ein Bewusstsein zuzusprechen.
Diese Art des Lernens ist aber kein Ausdruck von Bewusstsein. Fundamentale Verhaltensweisen
wie Reproduktion, Fressen, Flucht und Abwehr, Reaktionen auf Gefährdungen und auch
assoziatives Lernen sind motorische Verhaltensmuster, welche hauptsächlich im Gehirnstamm und
im Rückenmark lokalisiert sind. Die Evolution der Fische bezüglich neurologischer
Verhaltensmuster hat eine Vielzahl unterschiedlicher hervorragender Anpassungen hervorgebracht,
denen jedoch eines gemein ist, nämlich dass die essentiellen Verhaltensmuster durch das
Nervensystem unterhalb des Großhirns vermittelt werden. Diese sind vom Bewusstsein
unabhängig!
3. Die Antwort auf einen Reiz ist unabhängig von der psychischen Wahrnehmung von
Schmerz
Wenn wir die Frage betrachten, ob Fische Schmerz empfinden können oder nicht, müssen wir
zuerst klären, was Schmerz ist. W
ALL(1999) definiert drei wichtige Merkmale des Schmerzes:1. Schmerz ist eine unangenehme Empfindung und emotionale Erfahrung mit aktueller oder
potentieller Schädigung von Geweben.
2. Schmerz ist immer subjektiv.
3. Schmerz kann auch ohne äußeren Stimulus empfunden werden.
Alle mehrzelligen Lebewesen reagieren auf äußere Reize. Bei allen Wirbeltieren einschließlich dem
Menschen werden die Reaktionen auf einen schädigenden Reiz durch das Nervensystem im
Rückenmark und im Hirnstamm erzeugt. Im Hirnstamm wird daraufhin eine „Antwort" erzeugt,
welche sich z. B. in Flucht oder „Vermeidung" des Reizes äußern kann. Diese „Antworten" sind
vom Bewusstsein unabhängig. Sie funktionieren auch bei Organismen, die kein Großhirn besitzen.
Das Abwehrverhalten auf einen Reiz erfolgt also unabhängig von der psychologischen Erfahrung
eines Schmerzes und auch bei Abwesenheit von Schmerz. Das menschliche Schmerzempfinden
hingegen ist ein psychologischer Prozess des Gehirns, der unabhängig von den o. g.
Verhaltensmustern stattfindet.
4. Neurophysiologische Differenzen zwischen Mensch und Fisch resultieren aus
gravierenden Unterschieden in der Struktur des zentralen Nervensystems
Der Grund für die Annahme, dass Fische Schmerz erfinden, ist die anthropozentrische (den
Menschen in den Mittelpunkt stellende) Interpretation der Reaktion von Fischen auf Reize, welche
Menschen zweifelsohne Schmerzen bereiten würden. Es gibt jedoch keinen validen
wissenschaftlichen Beweis für diese Annahme.
Die bewusste Wahrnehmung von Schmerz beim Menschen ist u. a. von spezifischen Regionen im
Gehirn im cerebralen Cortex abhängig. Werden diese Regionen durch Unfälle oder Operationen
zerstört, so empfinden betroffene Personen keinen Schmerz. Es besteht eine absolute Abhängigkeit
zwischen der Schmerzerfahrung und den Funktionen des Großhirns. Weiterhin sind es eben auch
diese Großhirnregionen, die für das Schmerzempfinden verantwortlich sind und auch das
Bewusstsein mit bestimmen. Diese Regionen, die notwendig sind, um die Erfahrung des Schmerzes
zu machen oder Emotionen wie Furcht zu erleben, fehlen den Fischen. Bei ihnen wird der
„Schmerz"-Reiz bis zum Hirnstamm weitergeleitet, löst dort z. B. eine Reaktion aus, hinterlässt
jedoch nicht die Erfahrung des Schmerzes. Für Fische ist deshalb die Erfahrung von Emotionen wie
Furcht oder Schmerz neurologisch unmöglich, da ihnen die dazu notwendigen Gehirnregionen in
Qualität und Quantität fehlen. Die Fluchtreaktion des gehakten Fisches ist exakt dieselbe, die ein
Fisch zeigt, wenn er vor einem Fraßfeind oder Schwingungen im Wasser flüchtet. Fische zeigen
robuste, angeborene, überlebensnotwendige, aber von Bewusstsein freie, neuroendokrine und
physiologische Antworten auf äußere Reize!
5. Fische reagieren auf Reize mit Stressantworten.
Unabhängig von der Unfähigkeit der Fische, Schmerz oder Furcht zu empfinden, sind ihre
neurologischen Strukturen so gut entwickelt, dass sie auf „gefährliche" äußere Reize mit
Abwehrreaktionen antworten können. Diese äußern sich jedoch nicht nur in Flucht- oder
Abwehrverhalten sondern auch in komplexen kompensatorischen, physiologischen und
neurohormonellen Stressantworten (I
WAMA 1997). Dazu gehört beispielsweise die Ausschüttungvon Cortisol und Catecholaminen, welche dem Organismus bei der Stressbewältigung hilft. Solche
Reaktionen erfolgen bei allen Wirbeltieren und auch beim Menschen, sie sind unabhängig vom
Bewusstsein. Nichtsdestotrotz ist Stress mit Belastungen für den Organismus verbunden.
Wiederholter, nicht bewältigter Stress führt zwangsläufig zu Krankheiten.
Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Ich möchte an dieser Stelle nicht noch einmal repetieren, was im o. g. Text mehr oder wenigerdeutlich ausgeführt wurde. Wer der englischen Sprache mächtig ist, dem möchte ich den
Originalartikel von Herrn Prof. Rose ans Herz legen. Er kann als Kopie bei mir bezogen werden.
Es ist klar, dass ich aus seinem rund 40-seitigen Review nur ausgewählte Aspekte darbringen
konnte. Rose widerlegt in seinen Darlegungen auch pseudowissenschaftliche Argumente einiger
Tierschützer, die behaupten, dass, aus verschiedenen Gründen, Fische Schmerzen empfinden
müssen. Diese Argumentierung habe ich hier nicht ausgeführt. Bei entsprechender Resonanz könnte
ich dies jedoch in einem weiteren Beitrag darstellen. Es sollte nach der Lektüre dieses Artikels
verständlich geworden sein, dass Fische keine Schmerzen und Leiden empfinden, wohl aber Stress
haben können. Angeln und Hältern ist für Fische nicht mit Schmerzen, wohl aber mit Stress
verbunden. Dies sollten wir uns immer wieder ins Gewissen rufen. Ein Angler, der den Ehrenkodex
des DAV akzeptiert und lebt, wird demzufolge den Stress für unsere Mitkreatur so gering wie
möglich halten.
In diesem Sinne Petri Heil
Ihr Dr. Thomas Meinelt
Referent für Umwelt und Gewässer
Referenzen:
Rose, J. D.: The Neurobehavioral Nature of Fishes and the Question of Awareness and Pain.
Reviews in Fisheries Sciences, 10(2002)1:1-38